Lernschwächen

Veröffentlicht auf von Rechtschreibbär

In unterschiedlichen Quellen werden Zahlen über betroffene lernschwache Kinder mit Lese-Rechtschreibproblemen bis zu 15% angegeben. Das bedeutet bis zu 15% der Kinder sind demnach in allen Unterrichtsfächern benachteiligt, denn gelesen und geschrieben wird in jedem Schulfach. Die Basistechniken Lesen und Schreiben sind die Grundvoraussetzungen dafür Informationen zu erlangen und weiterzugeben. Nur wer sie beherrscht hat später im Beruf optimale Chancen. Das immer geringer werdende Angebot an Ausbildungsplätzen verschärft die Situation der Ausgrenzung für diejenigen, die im Bereich des Schriftspracherwerbs Probleme haben.

Dem entgegen steht glücklicherweise die Möglichkeit zur Früherkennung des Problems. Durch frühzeitige Diagnosen und entsprechende individuelle Therapieprogramme gelingt es Kindern zu helfen ihre Probleme in den Griff zu bekommen. Es darum für das betroffene Kind die geeignete Lernstrategie zu finden, die es ihm ermöglicht sich auf seine ganz eigene Art und Weise Wissen anzueignen.

Zu spät erkannte Probleme können das völlige Aufgeben der Lernmotivation zur Folge haben, dass sich auf alle Fächer auswirkt. Während in den ersten zwei, drei Schuljahren Texte noch weitgehend fehlerfrei geschrieben werden, häuft sich durch den schnell erweiternden Wortschatz der Klasse 3 und 4 und durch die zunehmende der Länge der Texte auch die Fehlerzahl. In der ersten Zeit des Schreibenlernens liegt der Fokus auf dem lautsprachlichen Schreiben, Fehler fallen nicht auf oder nicht ins Gewicht, auf die Orthographie (Rechtschreibung) wird erst später geachtet. Bis dahin hat sich manche fehlerhafte Schreibweise längst fest eingeprägt. Was bisher richtig war ist plötzlich falsch, das produziert Verunsicherung. Das Kind beginnt mit unterschiedlichen Schreibweisen zu experimentieren. So kann in einem Diktat das Wort Kaiser schon einmal mehrfach falsch geschrieben sein. Kaiser, Kaihser, Keiser, Keihser, Keisa wird ausprobiert in der Hoffnung eines davon wird schon richtig sein. So wird aus einem falsch geschriebenen Kaiser, eine Vielzahl von Fehlern, die die Note weiterhin verschlechtern.

Auch die Rücksichtnahme auf langsamere SchülerInnen geht zurück, denn mit der Steigerung des Lerntempos und der Vorbereitung auf den Schulwechsel wird es auch für LehrerInnen immer schwieriger leistungsschwächere Kinder optimal zu fördern. Der Zeitdruck, der nun bei Arbeiten herrscht tut sein übriges zur Demotivation. Zensuren fallen ab. Regelmäßiges Üben und Lernen bringen keine nennenswerten Erfolge und betroffene Kinder beginnen sich mit anderen zu vergleichen. Obwohl sie mehr Zeit zum Lernen aufbringen als ein leistungsstarkes Kind, werden die Zensuren nicht besser. Selbstzweifel und Unsicherheit verschärfen das Problem.

Es wird eine Spirale aus Misserfolg in der Schule, Übungsstress zu Hause und Selbstzweifel in Gang gesetzt, die den Druck auf das leistungsschwache Kind so erhöht, dass es am Ende selbst davon überzeugt ist nichts leisten zu können. Lernverweigerung bis hin zur Schulverweigerung, die sich über Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen äußert, können die Folge sein. Der zusätzlich versäumte Unterrichtsstoff solcher „Kankheitstage“ hilft die Situation zu verschärfen.

Eine Negativspirale ist keine Seltenheit. Der Leistungsdruck, der auch schon in den ersten Schuljahren auf den Schulkindern lastet wird unterschätzt.

Die ersten Signale eines Leistungsabfalls zu erkennen und sinnvoll gegenzusteuern ist der erste Schritt ein solches Problem gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wenn erkennbar ist, dass ab der 3. Klasse die Fehlerhäufigkeit zunimmt, Lesen durch vermehrtes Üben langsamer und nicht flüssiger wird, das Kind pötzlich eine Abneigung gegen die Schule oder Hausaufgaben entwickelt die vorher nicht da war, ist es Zeit etwas zu unternehmen. Erster Ansprechpartner dazu sollte immer die Lehrkraft sein. Oft werden Eltern Sätze hören wie: „Das wächst sich noch aus“ - „Manche Kinder sind Spätentwickler“ - „Das ist nur eine vorübergehende Phase“. Wenn Eltern selbst das Gefühl haben es stimmt etwas nicht, sollten sie sich nicht mit solchen Aussagen zufrieden geben und nicht zögern eine Stelle zur kostenfreien Beratung aufzusuchen. Nicht selten wird wertvolle Zeit verschenkt, in der das Kind wieder auf einen Erfolgskurs gebracht werden kann. Geeignete Hilfsmaßnahmen, individuelle Förderung, passende Lernstrategien und wirksames Training unterstützen lern- und leistungsschwächere Kinder und helfen sie vor möglichen psychosozialen Folgen zu bewahren.

Oft greift die Hilfe zu spät, denn sie wird meist erst gesucht, wenn die Frage nach der weiterführenden Schule im Raum steht und Gefahr besteht, dass der Wechsel in die gewünschte Schulform nicht gelingt.

Je früher Anzeichen von Leistungsabfall erkannt werden und je eher Hilfe einsetzt, um so leichter wird es, das Kind vor der Negativspirale zu bewahren. Nachhilfe (das Wiederholen von Lernstoff) ist nicht nicht geeignet tiefgreifende Lernschwächen auszugleichen. Nachhilfe ist anzuraten bei Leistungseinbrüchen durch Krankheit, als intensive Vorbereitung auf Prüfungen, durch mögliche andere Ursachen, die eine vorübergehende Konzentration auf den Lernstoff erschweren. In der Tiefe liegende Leistungsschwächen aber, wie differenzierte Wahrnehmung in unterschiedlichen Bereichen, sind individuell und erfordern individuelle Hilfen und Problemlösungen.

Sollten Sie das Gefühl haben Ihr Kind könnte zu den 15% der benachteiligten SchülerInnen gehören, zögern Sie nicht so früh wie möglich Hilfe in Anspruch zu nehmen.

* * *

Kinder sind keine Fässer die gefüllt werden,

sondern Feuer die entfacht werden wollen.“

Michel de Montaigne

 

 

 

 

Werbung

Veröffentlicht in Lernprobleme, VGW

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren: