Weihnachtsgeschichte

Veröffentlicht auf von Rechtschreibbär

Mit roten Handschuhen ins Glück

 

Dichte schwere Flocken fielen auf den blattlosen Busch und schufen ein weißes Dach, unter dem sich Milli, vor lauter Kälte zitternd, verkrochen hatte.

 

Sie war sehr, sehr traurig, einsam und fror erbärmlich. Wie war sie nur hierher gekommen? Bis vor wenigen Wochen lebte sie unbeschwert, mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern, auf einem Bauernhof. Dort war es herrlich. Täglich schaute sie aus dem Versteck, das ihre Mutter gefunden hatte, um ihre Kinder zur Welt zu bringen, dem emsigen Treiben auf dem Hof zu. Es hatte eine ganze Weile gebraucht, bis sie zum ersten Mal allein kurze Streifzüge durch den Stall und über den Bauernhof machte, den Heuboden erkundete und ihre Lieblingsplätzchen gefunden hatte. Aber am allerliebsten tobte sie mit den Geschwistern in der Nähe der Mutter umher. Es machte solchen Spaß um einander zu kullern, Fangen und Haschen zu spielen, zu raufen und gemeinsam zu kuscheln.

 

Eines morgens, als sie wieder einmal über den Hof lief, sah sie den Bauern, der sich vor dem großen grünen Holztor des Kuhstalls mit einem Fremden unterhielt. Neugierig schlich sie sich näher heran, versteckte sich unter dem Radkasten des großen Landrovers und hörte den Bauern sagen: "Wir haben genug Hofkatzen. Wo man geht und steht begegnet man ihnen. Zwei, drei sollten genügen, um das Mäusevolk klein zu halten. Morgen bringe ich die kleinen Biester des letztens Wurfs weg. Sollen sich andere damit herumärgern." Was der Bauer sonst noch sagte oder der Besucher antwortete, hörte Milli längst nicht mehr. Morgen sollten sie nun weggebracht werden. Sie war so erschrocken, dass sie fortlief und sich im Pferdestall versteckte. Sie kroch zu Fatima, der jungen Araberstute in die Box und versteckte sich im hohen frischen Stroh. Fatima, schnaubte leise, stupste Milli mit weichen rosa Nüstern an und betrachtete sie aus sanften Augen. Obwohl Fatima ein feuriges Temperament besaß, liebte sie die kleine Milli und ließ sie sogar oft auf ihrem Rücken sitzen. Die beiden hatten Freundschaft geschlossen. Milli mochte den Geruch und den wärmenden Atem der ihr entgegen blies und Fatima genoss die tretelnden Massagen der kleinen Katzenpfoten, wenn Milli auf ihrem Rücken saß und sich in der Mähne festkrallte. Sie vertrieb ihr die Zeit, die sie allein im Stall stehen musste. Fatima duldete es, dass Milli sich tief im Stroh ihrer Box verkroch. Milli dachte nach: Was sollte sie tun? Sie musste ihre Mutter und ihre Geschwister warnen. Am Abend, als alles auf dem Hof zur Ruhe kam, schlich Milli aus ihrem Versteck und lief zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern in den Kuhstall. Dort erzählte sie aufgeregt was sie beobacht und gehört hatte. Als sie ihre Geschichte beendet hatte, begannen alle zu lachen: „Du erzählst uns aber aufregende Geschichten. Das machst du gut. Fast hätte ich es geglaubt.“, sagte die Mutter. „Das musst du auch glauben, weil es wahr ist!“, entgegnete Milli verzweifelt. „Ach, Milli, Kätzchen. Seit Generationen leben wir hier auf diesem Hof und noch nie ist sowas passiert. Natürlich ist immer mal wieder eine von uns verschwunden. Nie haben wir etwas von denen verschwunden Katzen gehört, denn es kam nie eine zurück. Aber das gleich alle vom Bauern weggebracht werden sollen, das ist unmöglich. Der Bauer braucht uns. Wer fängt ihm sonst die Mäuse die sein Getreide wegfressen, die Futtersäcke annagen oder die Speisekammer leerräumen? Nein, Milli, du musst etwas falsch verstanden haben. Hab keine Angst und jetzt kommt alle mit. Ihr müsst noch viel lernen, was die Jagd betrifft.“ Milli hatte ein ungutes Gefühl, aber die Mutter hatte sicher Recht, vielleicht hatte der Bauer mit den Biestern ja was andere gemeint und sie hatte tatsächlich etwas falsch verstanden. So zog sie mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter über den nächtlichen Hof, um dem Mäusevolk Respekt beizubringen.

  

Aber das ungute Gefühl blieb und am nächsten Morgen versteckte sich Milli auf dem Heuboden. Ihre Geschwister, noch müde von der nächtlichen Lektion, hatten sich im Kuhstall in einem Strohhaufen eingekuschelt, von ihrer Mutter war weit und breit nichts zu sehen, sie war bestimmt noch einmal allein auf die Jagd gegangen Doch dann geschah genau das, was sie am Tag zuvor gehört hatte. Der Bauer kam aus dem Haus und hatte eine große Kiste dabei. Zielstrebig lief er damit zum Kuhstall. Durch die offene Stalltüre, von der die grüne Farbe an vielen Stellen abblätterte, konnte Milli aus ihren gegenüberliegendem Versteck beobachten, wie ihre Geschwister in die große Kiste gesetzt und anschließend in den Landrover gebracht wurden. „Na so was, eine fehlt!", brummte der Bauer. „ Es waren doch sechs und nicht fünf. Nun gut, wenn sie wieder auftaucht kann ich sie immer noch wegschaffen!" Das waren die Worte die Milli hörte, bevor der Bauer in das Auto stieg und mit ihren Geschwistern davonfuhr, was sie nicht mehr hörte war das der Bauer noch sagte:“ Die Kinder der Nachbarn werden sich sehr freuen über die Kätzchen.“

 

Milli war unglücklich und sehr traurig. Was jetzt? Sie konnte doch nicht einfach zugucken, wie ihre Geschwister fortgebracht wurden. Was sollte sie tun, die Mutter war fort, die Geschwister weggebracht und sie sollte auch noch weggebracht werden, wenn der Bauer sie erwischte. „Bevor ich mich wegbringen lasse, laufe ich lieber selbst weg!", dachte Milli trotzig. Dann hatte sie eine Idee. „Vielleicht kann ich dem Wagen folgen und schauen wohin er meine Geschwister bringt.“. Kaum hatte sie das gedacht, war sie auch schon fort. Sie sah noch, wie der Wagen die lange Hofauffahrt entlangrollte und am Ende abbog. Sie flitzte in den Graben seitlich der Zufahrt und verfolgte den Wagen solange sie konnte, doch bald verlor sie ihn aus den Augen. Trotzdem rannte sie solange sie konnte in die Richtung in der das Auto verschwunden war.

 

Inzwischen bereute sie es bitter so überstürzt davongelaufen zu sein. Sie war jetzt schon tagelang fort und so weit weg, dass sie den Heimweg nicht mehr fand. Ausgerechnet jetzt am Weihnachtsabend, dem Abend von dem ihre Mutter vor kurzen noch erzählte, von den bunten Lichtern, der Wärme in der Stube der Bauersleute, der Zusatzration Futter. Jetzt saß sie mutterseelenallein und hungrig in der klirrenden Kälte unter diesem Busch. Der Schnee wollte überhaupt nicht aufhören vom Himmel zu fallen. Ein jammervolles, klagendes „Miau" drückte ihr ganzes Elend aus. Sie duckte sich noch tiefer unter den Busch und machte sich noch kleiner, in der Hoffnung weniger frieren zu müssen. Doch dann hörte sie ein Geräusch.

 

Stapfend näherten sich dem Busch, unter dem sie sich versteckt hielt, schwere Schritte. Zwei dicke rote Handschuhe teilten die Zweige ihres Verstecks. „Ho, ho, ho, fröhliche Weihnachten!", sagte eine tiefe Stimme, aus der Wärme und Güte klang. „Wer bist du?", fragte Milli, die schon Angst hatte, der Bauer hätte sie gefunden. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er mich mitgenommen hätte, dachte sie. Der alte Mann antwortete mit tiefer warmherziger Stimme. „Manche Menschen nennen mich den Weihnachtsmann. Aber überall auf der Welt habe ich andere Namen. Manche nennen mich Santa Claus, Väterchen Frost, Papa Noel oder Joulupukki. Ich bringe am Weihnachtsabend den Menschen die Geschenke. Hast du Lust mich zu begleiten, ich muss noch einige Päckchen verteilen?" fragte der freundliche Weihnachtsmann. Milli war sprachlos und bevor sie etwas antworten konnte griffen die dicken, roten Handschuhe vorsichtig nach ihr und trugen sie zum Schlitten, vor den acht Rentiere gespannt waren. Kaum saß sie mit dem Weihnachtsmann im Schlitten, erhob er sich in die Luft und jagte über den Himmel. Hier und dort landeten sie auf einem Hausdach. Der Weihnachtsmann verschwand jedesmal für eine Weile in den Häusern, um seine Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu legen und anschließend ging es unter Glockengeläut mit den flotten Rentieren weiter über die Himmelsstraßen. Bald waren alle Geschenke verteilt. Bis auf einen winzigen Sack war der Schlitten leer. Vorsichtig und langsam setzte der Schlitten sachte vor einem kleinen Haus auf. „Hier ist meine Arbeit für dieses Jahr getan. Es ist Zeit mich von dir zu verabschieden. Fröhliche Weihnachten, kleine Milli!", sagte der Weihnachtsmann. Mitsamt dem Sack, der die letzten Geschenke enthielt, fühlte sich Milli von ihm hochgehoben und vor der Tür des kleinen Häuschens abgesetzt. Der Weihnachtsmann stieg zurück in den Schlitten, winkte Milli noch einmal zu und rief: „Ho-Ho-Ho! Du wirst es gut haben!“ „Aber, aber ...", stammelte sie noch. Doch der Schlitten hob ab, stieg schnell immer höher und war kurze Zeit darauf nicht mehr zu sehen, nur ein leise Glockengeläut klang noch in der Luft. Milli schüttelte sich die feinen Schneeflocken, die silbrig leuchtend vom Himmel fielen, aus dem Fell, da öffnete sich die Türe des Hauses und eine Frau rief überrascht: „Ja, was ist das denn? Schaut mal Kinder, der Weihnachtsmann war hier!" Zwei strubbelige, kleine Kinder, ein Junge und ein Mädchen, drängten sich im Schlafanzug an der Frau vorbei ins Freie. „Eine Katze, eine richtige, echte Weihnachtskatze!" riefen sie begeistert. „Bringt sie mal schnell in die warme Stube, hier draußen ist es doch viel zu kalt für so ein kleines Kätzchen und auch für Kinder im Schlafanzug!", sagte die Frau lächelnd. Im Kamin der Stube brannte ein wärmendes Feuerchen, es duftete nach Tannengrün, Plätzchen und Tee. Die Kinder trugen Milli und den Sack hinein. Im Sack fanden sie neben vielen kleinen, hübsch und bunt verpackten Geschenken auch eine Päckchen mit Katzenfutter. Sie stellten Milli einen großen Napf mit Futter direkt vor die Nase. „Ja, es muss Weihnachten sein!", dachte Milli und machte sich heißhungrig über das Futter her.

 

Von der Zeit an kümmerten sich die beiden Kinder liebevoll um ihre kleine Weihnachtskatze. Jedes Jahr in der Weihnachtsnacht, wartete Milli sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann, um sich bei ihm für seine Güte und Hilfe zu bedanken.

 

Ob sie ihn je wieder getroffen hat?

 

© AS 2010

 

Veröffentlicht in Jahreszeitliches

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