Stur und trotzig

Veröffentlicht auf von Rechtschreibbär

Paulo, das sture Eselchen

 

Irgendwo auf dieser Welt lebt Paulo, das Eselchen. Er ist noch jung und besonders stur. Von Eseln wissen wir, dass sie stur sind, aber Paulo nimmt es an Sturheit mit allen anderen Eseln aus dem Dorf auf.

 

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Paulo mag gar nichts wirklich gern tun. Schon erst recht nicht, wenn er weiß, dass er etwas tun soll, dass man etwas von ihm erwartet oder sogar verlangt. Immer dann bekommt er Beine, die sich keinen Millimeter rühren. Sie werden starr wie Baumstämme. Er trägt keine Lasten, wenn man sie ihm einfach auflegt, bewegt er sich nicht mehr von der Stelle. Da hilft kein Schubsen, Drücken, Zerren oder Schieben, kein Fluchen, Schimpfen oder Drohen. Paulo steht wie festverwurzelt, solange, bis man ihm die Arbeit wieder abnimmt. Aber wenn es soviel Zeit braucht einen Esel anzutreiben, hat man es schneller selbst erledigt. Mit der Zeit versuchte niemand mehr Paulo zum Arbeiten zu bewegen. Die Einen sagten: „Der taugt zu gar nichts“, die Anderen: “Der ist doch viel zu faul“ und wieder Andere meinten: „Der ist einfach strohdumm.“ Dabei war Paulo nichts von alledem, weder war er faul, noch dumm. Er hatte einfach keine Lust sich abzurackern und zu tun was andere von ihm wollten.

 

Paulo freute es, dass er nun endlich tun und lassen konnte was er wollte. Das war den ganzen lieben langen Tag lang nichts besonders. Nichts, außer fressen und dösen und in den langen Tag hinein leben. Seine Verwandtschaft dagegen, arbeitete den Tag über außerhalb der Weide. Sein Vater schleppte schwere Lasten in die Berge, die Mutter brachte Obst und Gemüse zum Markt, seine Geschwister dienten den Kindern als Spielgefährten und Reittiere. Nur Paulo stand Tag für Tag allein auf der Wiese.

 

Bald begann es ihn zu langweilen. Einfach nur allein herumstehen, ohne jemanden der versuchte ihn zum arbeiten zu bewegen, das machte keine Freude. Es war niemand da, mit dem er sich unterhalten konnte, der ihm die Zeit vertrieb. Eines morgens jedoch, sollte sich das alles ändern.

 

Gelangweilt schaute Paulo wieder einmal umher, als ein kleiner bunter Schmetterling um seine Nüstern flatterte und ihn ansprach: „Hallo, warum bist du denn so allein? Ist das nicht langweilig?“ „Bist doch selber auch allein, ist dir langweilig?“ bockte Paulo mürrisch zurück. „Ich bin auf der Durchreise, flattere grade von dort hinten,“ und dabei zeigte er mit seinem Rüssel auf ein paar weit entfernt stehende, buntblühende Büsche, „nach dorthin auf die andere Seite! Hier, bei dir, wollte ich ein wenig rasten, denn das ist ein ganz schön langer Weg. Darf ich dich fragen, ob du mich ein Stück des Weges trägst?“

Das war grade die richtige Frage für Paulo. „Ich trage gar nichts und vor allen Dingen niemanden. Das ist mir viel zu schwer!", trotzte Paulo bestimmt. Der Falter ließ nicht locker. „Hast du es schon versucht?“ hakte er nach. „Nein, nein, aber schließlich weiß ich, das Lasten zu schleppen keine Kleinigkeit ist.“ Damit gab sich der Schmetterling aber nicht zufrieden. „Du weißt doch gar nicht, wie schwer ich bin. Sehe ich so schwer aus?"

 

Paulo guckte sich den Schmetterling einmal genau an und musste einsehen, so schwer sah er wirklich nicht aus. „Komm versuch es doch mal. Bitte, trage mich ein Stück, damit ich mich ausruhen kann. Das ständige Geflattere macht ganz schön müde.“ Inzwischen hatte der kleine Esel Spaß an der Unterhaltung mit dem bunten Flattertier. Vorsichtig schaute er sich um, ob ihnen auch niemand zusah. Aber es war weit und breit niemand zu sehen. Er war ganz allein mit dem Schmetterling. „Also gut,“ ließ Paulo sich gnädig herab und brummte noch etwas Unverständliches „versuchen wir es einmal. Aber, wenn du mir zu schwer bist und ich sage 'absteigen', gehst du sofort wieder runter, dass das klar ist!“ „Klar wie der Morgennebel“ kicherte der Falter, „Du wirst schon nicht gleich unter mir zusammenbrechen.“ „Dann setz dich!", brummte der Esel. Langsam und sachte ließ sich der Schmetterling genau zwischen den Ohren des Esels nieder. Ganz sanft setzte er auf und wartete. Nach einer Weile, drehte Paulo suchend den Kopf und fragte. „Na, was ist jetzt? Wann wird das denn was? Wie lange brauchst du denn, um dich endlich zu setzen?“ „Ich sitze doch schon ewig lange und warte drauf, dass du endlich lostrabst!“ „Ich spüre dich gar nicht!“ wunderte sich Paulo. „Dann lauf mal los, vielleicht werde ich mit jedem Schritt schwerer, wenn du läufst.“ I-jaaa!", sagte Paulo. Vorsichtig setzte er einen Huf vor den anderen. Drei Schritte, dann wieder drei und noch drei, tatsächlich spürte er den winzigen, federleichten Flatterling überhaupt nicht. „Hey, ich spüre dich wirklich nicht!“, jubelte Paulo und lief, mit dem Schmetterling zwischen seinen Ohren, zur anderen Seite der Wiese. Der kleine bunte Falter erhob sich und taumelte Paulo wieder um die Nase. Er bedankte sich höflich für die Hilfe und die angenehme Unterhaltung. „Bitte, bitte, immer wieder gerne und wenn du auf dem Rückweg wieder getragen werden möchtest, dann komm ruhig zu mir. Dafür erzählst du mir, was du alles erlebt hast, dann ist es mir nicht so langweilig hier!“ Dies war eine für beide vernünftige Abmachung und der quirlige Flatterer versprach das gerne und flog ausgeruht seines Weges.

 

Als Paulo nun wieder alleine war, dachte er eine Weile über die Begegnung und über das, was er da gerade erfahren hatte, nach. Es hatte großen Spaß gemacht sich zu unterhalten. Es war schön, jemandem geholfen zu haben und gebraucht zu werden. Schwer war der kleine Dienst nun wirklich nicht gewesen. Aber selbst wenn der kleine Falter schwerer gewesen wäre, so schwer wie eine Maus oder wie eine kleine Katze oder gar ein Bündel Stroh, hätte Paulo auch das über die Wiese tragen können. Das war ihm nun klar, denn er war ein starker und kräftiger, wenn auch ein sehr kleiner Esel. Er dachte noch einige Zeit darüber nach, was denn nun anders gewesen war. Was hatte diesen Tag so anders gemacht? Was hatte er anders gemacht?

 

Plötzlich fiel es ihm ein. Das wars. Es war alles ganz einfach, Paulo hatte einfach 'I-jaaa' gesagt, statt 'NEIN, das mag ich nicht'. Er nahm sich vor das auszuprobieren und wollte von nun an viel öfter JA sagen. JA – wenn die Kinder auf ihm reiten wollten, JA – wenn es was zum Markt zu tragen gab oder JA - wenn ein Bündel Stroh oder Heu in den Stall musste.

 

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Das also war der klitzekleine Unterschied, nur ein fröhliches JA, statt eines trotzigen NEIN. Von dem Tag an war Paulo nicht mehr allein auf der Weide und ihm war nicht mehr langweilig. Er hat viel Spaß, jede Menge Unterhaltung und viele neue Freunde. Wenn er manchmal etwas Schweres tragen muss, strengte er sich richtig an, denn er ist ja ein kräftiger, starker, wenn auch sehr kleiner Esel.

 

Manchmal sagt Paulo auch heute noch NEIN und dann erinnern sich alle daran, dass er eben immer noch Paulo ist, der sture, kleine Esel, der sturer und bockiger sein konnte, als alle Esel des Dorfes zusammen.

 

Text © AS 2007

Beide Fotos wurden freundlicherweise zur Verfügung gestellt von http://einfachtilda.wordpress.com/

 

Danke schön!

 

 

Veröffentlicht in Erzählungen für Kinder

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